Analyse

Am dritten EL-Spieltag gastiert Olympique Lyon bei der TSG Hoffenheim. Wie der französische Traditionsclub trotz großer Finanzprobleme zur sportlichen Stärke gefunden hat.

Nach Besiktas Istanbul kommt am Donnerstag der nächste schwere Brocken nach Sinsheim. Die punktlose TSG Hoffenheim empfängt am dritten Europa-League-Spieltag Olympique Lyon (ab 21 Uhr live im Sportschau-Audiostream). Der zweite französische Vertreter neben Olympique Marseille ist gut in den Wettbewerb gestartet. Gegen den RSC Anderlecht und Crystal Palace setzte sich "OL" jeweils knapp durch und hat damit schon sechs Punkte auf dem Konto. Auch in der heimischen Ligue 1 spielt das Team von Trainer Paulo Fonseca stark und führt die Tabelle nach sieben Spieltagen an. So ist es eine schöne Momentaufnahme beim Traditionsclub und Balsam für dessen strapazierte Fan-Seelen.

Warum Olympique Lyon der Zwangsabstieg drohte

Denn im Juni 2025 lag Olympique Lyon am Boden. Der stolze Traditionsclub stand vor dem Zwangsabstieg. Das hatte die französische Finanzaufsicht DNCG auf Grund der finanziell kritischen Situation in Lyon entschieden. Zuvor war die Bestrafung in Kombination mit einer Transfersperre noch auf Bewährung ausgesetzt worden. Einige Wochen später dann die Erlösung: Lyon hatte mit einem Einspruch bei der DNCG Erfolg und konnte die Aufsichtsbehörde davon überzeugen, das genug Geld vorhanden sei. Das Horrorszenario Zwangsabstieg wurde gerade noch abgewendet.

Zur Ruhe kommt der hochverschuldete Traditionsclub seitdem dennoch nicht. Bis zum drohenden Zwangsabstieg war der US-Investor John Textor die mächtigste Person im Club. Mit seinem Multi-Club-Netzwerk Eagle Football war er seit 2022 Mehrheitseigentümer von Lyon, steuerte den Verein in die finanzielle Krise und zog großen Ärger der Fans auf sich. Inzwischen ist die US-Millardärin Michele Kang die mächtigste Person im Club. Sie übernahm im Sommer 2026 etwa 88 Prozent der Anteile an der Eagle Football Group. Bereits seit längerem ist die neue Club-Präsidentin Besitzerin der erfolgreichen OL-Frauen. Unter Kangs Führung und besonderen Vorgaben bei Gehältern und Transferausgaben soll nun die Männer-Abteilung Schritt für finanziell gesunden.

Olympique Lyon: Stetige Verbesserung in den letzten Jahren

Sportlich ließ sich Olympique Lyon in den vergangenen Jahren nie wirklich von der komplizierten wirtschaftlichen Situation beirren. Stand am Ende der Saison 2021/22 noch der enttäuschende achte Tabellenplatz, verbesserte sich OL in den Folgejahren Schritt für Schritt und beendete die letzte Spielzeit auf dem vierten Rang. Klar ist aber auch: Clubs wie der OSC Lille und RC Lens zeigen sich in den vergangenen Jahren stabiler und ärgern am ehesten das übermächtige Paris Saint-Germain. Erinnerungen an die Champions-League-Saison 2019/20, als Lyon erst im Halbfinale gegen den späteren Sieger FC Bayern ausschied, sind in weite Ferne gerückt.

Und dann wären da ja noch die Meisterjahre: Von 2002 und 2008 gewann der Verein aus der Region Auvergne-Rhône-Alpes sieben Meisterschaften in Serie. Damals sorgten Brasilianer Juninho, Mittelfeld-Mann Michael Essien oder der spätere Ballon-d'Or-Gewinner Karim Benzema für Furore. Benzema wurde genau wie Rayan Cherki (jetzt Manchester City), Bradley Barcola (jetzt FC Liverpool) und Samuel Umtiti (Weltmeister 2018) in der erfolgreichen Akademie von Olympique ausgebildet.

Trainer Paulo Fonseca: Starke Entwicklung und eine lange Sperre

Heute hat der Hoffenheim-Gegner nicht mehr die großen Stars im Kader. Daran, dass die sportliche Entwicklung bei schwierigen Rahmenbedingungen trotzdem nach oben zeigt, hat Trainer Paulo Fonseca einen großen Anteil. Der Portugiese kam im Januar 2025 nach Lyon und stellte gemeinsam mit Sportdirektor Matthieu Louis-Jean durch clevere Transfers und Vertrauen in die Akademie-Spieler eine schlagkräftige Mannschaft zusammen. Taktisch setzt Fonseca im Spiel nach vorne auf einen breiten Aufbau und wechselnde Positionen. Auch Gegenpressing ist ein wichtiges Element im System des 53-Jährigen, der in der eigenen Hälfte Kompaktheit und Disziplin in den Vordergrund stellt.

Olympique Lyon, Spieler und Trainer Fonseca

Mann mit Erfahrung: Der portugiesische Trainer Paulo Fonseca war vor seiner Zeit in Lyon unter anderem beim AC Mailand, der AS Rom und dem FC Porto im Amt.

Was sich nach einer bisher starken Amtszeit des Taktik-Fuchses anhört, bekam im März 2025 eine gehörige Delle. Erst zwei Monate auf der Trainerbank geriet Fonseca beim 2:1-Sieg gegen Brest mit Schiedsrichter Benoît Millot aneinander und wurde von der Liga für neun Monate gesperrt. Co-Trainer Jorge Maciel leitete die Mannschaft in dieser Zeit bei Ligue-1-Spielen, bis Fonseca im November 2025 an die Seitenlinie zurückkehrte.

Tolisso und Co: Die Schlüsselspieler bei Olympique Lyon

In der bewegten Amtszeit des vorherigen AC-Mailand-Coaches stellt ein Spieler eine Konstante dar: Corentin Tolisso. Der frühere Bayern-Spieler traf in der vergangenen Saison genau wie Pavel Sulc elf Mal - beide nehmen auch aktuell eine wichtige Rolle ein. In der aktuellen Saison läuft es noch nicht ganz so gut. 2026/27 ist bisher Ernest Numuah am treffsichersten, aber auch der Ex-Dortmunder Julien Duranville und der Ex-Leipziger Lois Openda sind gefährlich.

So muss sich die TSG, die schon sechs Gegentore in zwei EL-Spielen kassierte, gegen die Franzosen auf eine sehr variable Offensive einstellen. Zumal deren Top-Scorer auf der Rechtsverteidiger-Position spielt: Dem jungen Schweizer Zachary Athekame gelangen bereits fünf Tor-Beteiligungen in sieben Liga-Spielen. Zusammen mit Lille stellt Lyon mit nur fünf Gegentoren die beste Defensive der Liga. Fester Bestandteil ist dabei der frühere Mainzer Moussa Niakhaté.

Olympique Lyon, Spieler und Trainer Fonseca

Unverhoffter Top-Scorer: Rechtsverteidiger Zachary Athekame wechselte im Sommer vom AC Mailand zu den Rot-Weiß-Blauen und überzeugt bislang auf ganzer Linie.

Hoffenheim gegen Lyon: Drei Spiele, drei Remis

Lyon ist mit etwa 500.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Frankreichs. Fans und Club tragen den Spitzname "Les Gones", ein Lyoner Ausdruck für "die Kinder" beziehungsweise "die Jungs". Auch "Les Lyonnais" wird das Team in Frankreich oft genannt. Trotz der leidenschaftlichen Anhängerschaft: Ein Ansturm wie gegen Besiktas Istanbul ist in Sinsheim nicht zu erwarten. Beim ersten Auswärtsspiel in Anderlecht machten die OL-Anhänger laut französischen Medien zumindest schonmal den Auswärtsblock voll.

Dreimal trafen Hoffenheim und Lyon aufeinander, dreimal gab es ein Remis: 3:3 und 2:2 hieß es in der Saison 2018/19 bei zwei Gruppenspielen in der Champions League, die Julian Nagelsmann an der Seitenlinie bei der TSG betreute. Im November 2024 endete das Duell in der Europa League erneut mit 2:2. In der Startelf bei Lyon damals: Stürmer Gift Orban, der später zur TSG wechselte.

Beide Teams gehen mit Siegen im Rücken ins Duell

Im Hier und Jetzt werden die Kraichgauer alles daran setzen, die ersten EL-Punkte einzufahren. Mut, dass es gegen Lyon erstmals mit einem Sieg klappt, sollte dem Team von Trainer Christian Ilzer der Auswärtserfolg bei Borussia Mönchengladbach geben. Die wiedererstarkten Gäste aus Lyon gewannen am Wochenende - ebenfalls mit 2:1 - gegen OGC Nizza und fahren nicht nur deshalb mit breiter Brust zur TSG.